Heimat?

Ursprünglich 2005 in zwei Teilen auf tedora.de erschienen – hier nun in einer überarbeiteten und zusammengeführten Fassung.

Den Begriff Heimat habe ich im Laufe der Jahre immer wieder neu für mich definiert. Kaum glaubte ich, mein Geburtsort sei meine Heimat, wurde ich eines Besseren belehrt – denn auch die Orte meiner Kindheit waren mir wichtig. Also zog ich gedanklich weiter und suchte nach meiner „richtigen“ Heimat. Ich glaubte, sie in der gesamten Türkei gefunden zu haben, als ich noch in Wien lebte.

Soweit war ich zufrieden. Später, in Deutschland, wurde ich erneut mit dem Begriff konfrontiert. Mit Selbstverständlichkeit antwortete ich: „Die Türkei.“ Doch meine Seele schmerzte vor Sehnsucht nach Wien. Also musste ich weitersuchen.

Irgendwann fand ich eine Formulierung, mit der ich leben konnte: „Meine Heimat ist die Türkei, meine Wahlheimat ist Österreich.“ Wobei ich bis heute nicht sagen kann, welchen von beiden ich mehr liebe.

Die Jahre vergingen. Ich gewöhnte mich an diese Antwort und ergänzte später Griechenland dazu. Mein längerer Aufenthalt dort hatte ebenfalls heimatliche Gefühle in mir geweckt. Ohne Griechenland zu erwähnen, meldete sich meine Seele erneut und korrigierte mich sanft.

Ich dachte: Jetzt habe ich es endlich klar. Alles, woran ich gute Erinnerungen habe, weckt in mir heimatliche Geborgenheitsgefühle. Bei näherem Hinsehen musste ich jedoch feststellen, dass dem nicht ganz so war. Ich hatte nicht nur schöne Erlebnisse. Dennoch machte ich mir keine weiteren Gedanken und blieb bei meiner Formulierung.

So lebte ich als Türkin in Deutschland – mit tiefer Liebe zur Türkei, zu Wien und zu Athen.

Die Suche nach der „richtigen“ Heimat

Heimat

Ich habe viele Orte, die ich Heimat nenne…

Kaum hatte ich es endlich für mich richtig formuliert, zwang mich eine schwere Hautkrankheit mit partiellen Lähmungserscheinungen, nach Südamerika umzuziehen.

Ich, inzwischen ziemlich erfahren im Umgang mit dem Begriff Heimat, bemerkte schnell, dass auch viele andere Orte still und leise einen Platz in meiner Seele eingenommen hatten: das Rheinland, das Siebengebirge, die Eifel, Bayern, Flensburg, Dortmund, Sonthofen, Stuttgart, Bamberg, Oberstdorf, Kempten, Eindhoven, Amsterdam, das Kleinwalsertal, Kaltern, die Dolomiten, der Mendelpass, der Adamello, der Königssee, Appenzell und viele weitere.

Wenn mich jemand nach meiner Heimat fragte, reichte meine „endlich fertige Aussage“ plötzlich nicht mehr aus. Meine Seele flüsterte leise: „Was erzählst du da? Und was ist mit X, Y oder Z?“

Daraufhin habe ich es aufgegeben, Heimat für mich endgültig zu definieren.

Es fällt mir schwer, weil ich so viele Orte auf ganz unterschiedliche Weise liebe und nicht mehr sagen kann, welchen ich mehr liebe als die anderen.

Ich bin überzeugt: Für mich ist Heimat dort, wo sich meine Seele überwiegend wohlfühlt und sich aus freiem Willen hinsehnt. Entweder ist die ganze Welt meine Heimat – oder meine Seele in dieser Welt. Möglich ist auch, dass ich einfach heimatos bin, weil ich meine Heimatgefühle nicht eingrenzen kann.

Wie auch immer – mir gefällt es, so viele Heimatgefühle zu haben und sie alle zu lieben. Wenn die Liebe so viele Formen hat, dann haben auch meine Beziehungen zu all diesen Orten ihre ganz eigene, besondere Note. Vielleicht hat Erich Fromm unbewusst an Menschen wie mich gedacht, als er „Die Kunst des Liebens“ schrieb.

Heimat als Gefühl und Freiheit

Heimat ist auch der Ort, an dem wir das Licht des Lebens erblicken – und von dessen Kultur wir uns, wenn wir Pech haben, nie ganz befreien können.

Ich hatte das große Glück, dass diese Kultur bei mir keine fesselnde Wirkung hatte. Ich fühle mich in so vielen verschiedenen Plätzen und Kulturen genauso heimisch wie in meinen türkischen Ursprüngen.

Ich genieße die Freiheit und den Reichtum meiner „Kultursammlung“. Ich möchte nicht mehr ohne mein Schmalzbrot in Wien sein, nicht ohne Sauerbraten aus dem Rheinland und auch nicht ohne Döner. Ich habe Sehnsucht nach Antalya, dem Rheinland, Bayern, Wien, Athen, Zagreb, Budapest, Glücksburg, Südtirol, Miltenberg, Monza und vielen weiteren Orten – und ich weiß wirklich nicht, welchen ich zuerst besuchen würde.

Ich zittere, wenn Fanatiker in meiner Geburtsheimat Fuß fassen, und bin traurig, wenn Deutschland oder Österreich Probleme haben. Ich werde zornig, wenn die Türkei und Griechenland wegen Hoheitsgewässern streiten, und ich weine, wenn die USA Bagdad zerstören. Ich liebe Hans Moser und Heinz Erhardt, verehre Evliya Çelebi, liebe Nietzsche innig und Konfuzius. Ich zitiere Gandhi und verstehe die feinen Gedankengänge von Dschuang Dsi.

Die Freiheit der Seele

Ich hatte die Wahl zwischen Islam, Christentum, Judentum, Buddhismus und Taoismus, habe mich aber dafür entschieden, vollkommen frei zu bleiben, um mich an allem partiell erfreuen zu können.

Ich schmunzle, wenn ich mit Bouzouki erzeugte türkische Klänge höre, und bestelle in Athen grundsätzlich griechischen Kaffee – ohne Pyrrhussieg-Grinsen auf den Lippen. Ich schmunzle genauso, wenn meine Landsleute auf Istanbul, die Hagia Sophia, Troja und Ephesus stolz sind und auf Postkarten groß „Turkey“ schreiben. Ich entspanne mich bei Chopin ebenso wie bei orientalischen oder spanischen Klängen. Ich freue mich, wenn meine Söhne sich Deutsche und Österreicher nennen, mich aber manchmal auf Türkisch „Anne“ rufen.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, höre hier aber auf. Ich könnte mich auch ganz ohne die einzelnen Kulturmerkmale nur mit den ortsüblichen Naturschönheiten bereichern und mich als Erdenbewohnerin aus der Gegend beschreiben, wo die Linden besonders schön blühen – oder wo große Kakteen wachsen. Oder Orte nach den Gesängen der heimischen Vögel benennen. Letztlich ist das Ganze mit einem einfachen „Es ist, wie es ist“ viel leichter zu erklären.

Bin ich jetzt heimatlos – oder einfach frei?

Bin ich jetzt heimatlos, nur weil ich mich überall wohlfühle und die Fähigkeit habe, überall zu Hause zu sein? Ja? Gut, dann will ich lieber als „Heimatentwurzelte“ weiterhin meinen Reichtum genießen und mich emotional von keinem System abhängig machen. Gesellschaftlich nehme ich nur das an, was mir gefällt und zusagt – weil ich grundsätzlich faul bin und nur das mache, was meine Seele erfreut. Weder Gutmenschentum noch Heuchelei konnten mich je erfreuen.

Geistige Freiheit bedeutet, dass der Geist vollkommen frei ist – und nicht erst mit menschlichen „Notwendigkeiten“ oder „Überflüssigkeiten“ angereichert werden muss!

Gedanken sind frei. Menschen nutzen sie aber nicht immer. Es wird lieber schubladenmäßig und kollektiv geheuchelt.

Tedora, Juli 2005 / Asunción – Paraguay

Ergänzung: Ich lebe seit 2011 in der gemütlichen Schweiz und fühle mich auch im Kanton St. Gallen zu Hause…

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