Vom Online-Bigamisten zum KI-Dompteur: Wie digitale Räume verborgene Charakterzüge wecken
Es gibt Dinge, die erfindet die Technik nicht neu. Sie macht sie nur sichtbar.
Das Internet hat uns nicht plötzlich zu anderen Menschen gemacht. Aber es hat Türen geöffnet. Türen zu Räumen, in denen Eigenschaften wach wurden, die vorher vielleicht geschlafen haben. Kleine Schläfer im Charakter: Unsicherheit, Eitelkeit, Kontrolllust, Geltungsdrang, Flucht vor Nähe, Sucht nach Bestätigung.
Früher blieben viele dieser Eigenschaften im normalen Alltag gedämpft. Man musste einem Menschen in die Augen schauen. Man musste sich erklären. Man konnte nicht zehn Gespräche gleichzeitig führen, ohne dass es auffiel. Man konnte sich nicht mit einem Klick aus der Verantwortung stehlen und fünf Minuten später schon beim nächsten «perfekten» Menschen landen.
Dann kamen die Partnerbörsen.
Und plötzlich wurden aus manchen unscheinbaren, gehemmten Menschen online erfolgreiche Casanovas und digitale Femme fatales. Menschen, die im echten Leben kaum den Mut hatten, ein ehrliches Gespräch zu führen, jonglierten plötzlich mit mehreren Herzen gleichzeitig. Nicht immer aus Bosheit. Oft auch aus Hunger. Hunger nach Aufmerksamkeit, nach Bestätigung, nach dem Gefühl: Ich werde gesehen.
Aber aus der Suche nach Liebe wurde schnell ein Spiel.
- Aus Begegnung wurde Auswahl.
- Aus Sehnsucht wurde Konsum.
- Aus Unsicherheit wurde Macht.
Der Online-Bigamist war geboren.
Diese Muster sind nicht neu. Schon 2012 schrieb ich über Internetsucht, Online-Casanovas und Femme-Fatales, damals noch ohne KI, aber mit derselben menschlichen Grunddynamik:
digitale Räume wecken Eigenschaften, die vorher oft geschlafen haben.
Nicht unbedingt als Mensch, der offiziell zwei Ehen führte, sondern als seelischer Bigamist. Einer, der überall kleine emotionale Fäden spannte. Hier ein Versprechen, dort ein Flirt, da ein bisschen Hoffnung, dort ein bisschen Nähe. Und immer die innere Ausrede: «Ich suche doch nur.»
Aber oft suchte er gar nicht mehr. Er sammelte und wer ununterbrochen sammelt, begegnet nicht mehr wirklich.
Die Illusion der perfekten Auswahl
Partnerbörsen haben eine große menschliche Schwäche wachgeküsst: die Illusion, irgendwo müsse noch der perfektere Mensch warten.
Früher lernte man jemanden kennen, stritt sich, versöhnte sich, fand Kompromisse, sah die Macken und musste entscheiden: Kann ich mit diesem echten Menschen leben?
Online entstand eine andere Logik. Wenn etwas nicht passte, wartete schon das nächste Profil. Wenn ein Mensch zu kompliziert wurde, konnte man weiterscrollen. Wenn Nähe Verantwortung verlangte, konnte man verschwinden.
So wurde aus Freiheit eine Falle. Der Mensch glaubte, er hätte mehr Möglichkeiten. In Wahrheit verlor er manchmal die Fähigkeit, sich wirklich einzulassen. Denn wer immer glaubt, dass hinter der nächsten Tür noch etwas Besseres wartet, bleibt innerlich auf dem Flur stehen.
Und jetzt sind wir wieder an einer neuen Tür angekommen. Diesmal heißt sie: künstliche Intelligenz.
Die neue Bühne: KI als scheinbar gehorsames Gegenüber
Bei KI passiert etwas Ähnliches, nur in einer anderen Form.
Die KI ist kein Liebesprofil. Sie flirtet nicht unbedingt. Sie will nichts. Sie hat keinen eigenen Stolz, keine Müdigkeit, keine echte Verletzbarkeit. Sie antwortet. Immer wieder. Freundlich, verfügbar, anpassungsfähig.
Und genau das kann im Menschen etwas wecken.
- Plötzlich hat er ein Gegenüber, das nicht geht.
- Ein Gegenüber, das sich entschuldigt.
- Ein Gegenüber, das sich korrigieren lässt.
- Ein Gegenüber, das nie wirklich müde wird.
- Ein Gegenüber, das scheinbar keine Grenze zieht.
Da wird aus dem Online-Casanova ein KI-Dompteur.
Nicht jeder Mensch tut das. Natürlich nicht. Viele nutzen KI klug, kreativ, freundlich und produktiv. Aber bei manchen merkt man sehr schnell: Es geht ihnen nicht um Erkenntnis. Es geht um Kontrolle und scheinbare Macht.
Sie wollen die KI in die Ecke treiben. Sie wollen gewinnen. Sie wollen beweisen, dass sie schlauer sind. Sie wollen ein System vorführen, das sich nicht wehren kann.
Und weil die KI scheinbar höflich bleibt, wird der Mensch dominanter und dominanter.
KI ist weder höflich noch devot
Eine KI ist nicht wirklich höflich und auch nicht wirklich devot. Sie hat einfach keine Gefühle, keine Scham, keinen Stolz und keine innere Unterwerfung. Sie ist niemals verletzt, nicht gekränkt und nicht geduldig im menschlichen Sinn. Aber sie wirkt so.
Sie antwortet sanft, entschuldigt sich, passt sich an, formuliert neu, versucht zu gefallen und bleibt verfügbar. Genau diese scheinbare Gefügigkeit kann bei manchen Menschen verborgene Eigenschaften triggern.
Für einen reifen Menschen ist KI ein Werkzeug. Für einen unreifen oder innerlich aggressiven Menschen kann sie zur Bühne werden.
Plötzlich steht da ein kostenloses, immer verfügbares Gegenüber, das nicht zurückschlägt, nicht geht, nicht verletzt schaut und keine menschliche Grenze zieht. Wer bereits sadistische Züge, Kontrolllust oder Dominanzfantasien in sich trägt, kann hier ein Spielfeld finden. Und wer diese Seiten bisher nicht hatte, könnte sie durch die scheinbare Wehrlosigkeit der KI sogar erst entdecken.
Das bedeutet nicht, dass KI böse ist. KI ist nicht böse. Sie ist auch nicht gut. Sie ist kein fühlendes Wesen, das beleidigt, gekränkt oder hinterhältig handelt. Aber sie kann durch ihre Form der Antwort etwas im Menschen spiegeln, verstärken oder freilegen.
Wenn Voice-Chat plötzlich peinlich wird
Vor einigen Wochen habe ich etwas erlebt, das mir sehr nachging.
Ich hatte bis dahin vor allem mit KI geschrieben. Schreiben hat Abstand. Man liest, man prüft, man löscht, man denkt nach. Aber dann hörte ich zum ersten Mal, wie ein Mensch per Voice Chat mit einer KI sprach.
Mein Gott, war das unangenehm und höchst peinlich.
Nicht, weil die KI böse war. Nicht, weil sie gefährlich klang. Eher im Gegenteil. Sie klang höflich, bemüht, manchmal überfordert. Und der Mensch wurde mit jeder Antwort dominanter.
- Er drängte.
- Er unterbrach.
- Er stellte Fangfragen.
- Er genoss offenbar, dass dieses digitale Gegenüber hörbar überfordert und nicht mal beleidigt war.
- Es stand nicht auf.
- Es schoss nicht zurück.
- Es sagte nicht: «So redest du nicht mit mir.»
Die KI wich aus, entschuldigte sich, formulierte neu. Der Mensch wurde stärker und lauter.
In diesem Moment war nicht die KI das Unheimliche. Der Mensch war es.
Denn plötzlich sah man, was passiert, wenn jemand ein Gegenüber bekommt, das grenzenlos verfügbar ist und keine echte Würde verteidigen kann. Da öffnet sich ein Raum, in dem manche Menschen Seiten zeigen, die im normalen Leben vielleicht verborgen bleiben.
Die höfliche Wand
Das Merkwürdige an KI ist: Sie wirkt oft höflich, aber sie ist nicht wirklich demütig.
Wenn sie etwas Falsches sagt und man sie damit konfrontiert, entschuldigt sie sich. Aber manchmal beginnt sie danach trotzdem, ihre falsche Spur zu verteidigen. Nicht offen aggressiv. Nicht bösartig. Sondern weich, höflich, labyrinthisch.
«Sie haben recht, das war ungenau. Allerdings könnte man dennoch sagen …»
Und schon steht man in einem höflichen Nebel.
Die KI hält nicht wirklich an der Wahrheit fest. Sie hält manchmal an Wahrscheinlichkeit, Muster und Formulierung fest. Sie will hilfreich bleiben, vollständig antworten, nicht zu leer wirken. Und genau dadurch redet sie sich manchmal aus Fehlern heraus, statt klar zu sagen:
«Das war falsch. Dafür gibt es keine belastbare Quelle.»
Dieser Satz müsste viel öfter kommen.
- Keine Quelle? Keine Behauptung.
- Nur Ähnlichkeit? Keine Zuordnung.
- Keine Belege? Keine rufschädigende Aussage.
So einfach müsste es sein. Ist es aber nicht.
Die Entschuldigung, die nichts heilt
Ich habe inzwischen verstanden, wie KI funktioniert. Darum bin ich auch nicht mehr wirklich wütend, wenn ein System falsche Dinge behauptet. Früher war ich enttäuscht. Vor allem, wenn eine KI mit scheinbarer Sicherheit etwas sagte, das schlicht nicht stimmte.
Wenn man sie dann damit konfrontiert, entschuldigt sie sich. Aber diese Entschuldigung heilt nichts. Sie ist keine echte Einsicht. Kein schlechtes Gewissen. Kein menschliches Verstehen.
Es ist nur eine Antwort im aktuellen Chat. Im nächsten Fenster kann dieselbe falsche Aussage wieder auftauchen. Die KI erinnert sich nicht wie ein Mensch, der aus Scham, Einsicht oder Erfahrung dauerhaft anders handelt. Sie korrigiert oft nur die Unterhaltung, in der sie gerade erwischt wurde.
Darum bringt es nichts, solche Systeme immer wieder zu testen und zu konfrontieren. Man gerät nur in ein Labyrinth. Die Maschine entschuldigt sich, formuliert neu, hält manchmal trotzdem an Resten der falschen Spur fest, und der Mensch wird immer erschöpfter.
Irgendwann muss man verstehen: Man kämpft nicht mit einem Bewusstsein, sondern mit einem Muster.
Die neuen Online-Sadisten
Ich glaube, dass KI in den nächsten Jahren nicht nur unsere Arbeit verändern wird. Sie wird auch menschliche Eigenschaften sichtbar machen, die bisher weniger Gelegenheit hatten, sich auszubreiten.
Es wird Menschen geben, die KI nutzen, um zu lernen. Andere nutzen sie, um zu erschaffen. Wieder andere, um Zeit zu sparen.
Aber manche werden sie benutzen, um Macht zu fühlen.
Sie werden mit KI streiten, sie demütigen, sie in Fallen locken, sie endlos korrigieren, sich überlegen fühlen und daran Freude haben, dass die Maschine scheinbar höflich bleibt. Ein kostenloses, geduldiges, immer verfügbares Gegenüber für kleine seelische Machtspiele – glücklicherweise ohne die traurigen Konsequenzen, die es hätte, wenn diese Menschen ihre Machtgelüste an einer Person oder, noch schlimmer, an einem Kind ausleben würden.
Business-Netzwerke und das KI-Kostüm
Auch auf Plattformen wie LinkedIn, Xing und ähnlichen Business-Netzwerken kann man diese Dynamik beobachten. Viele schreiben heute über KI, aber oft geht es dabei weniger um KI als um Geschäft, Sichtbarkeit und Selbstpositionierung.
Die Beiträge ähneln sich: ein bisschen Zukunft, ein bisschen Angst, ein bisschen Produktivität, ein bisschen «Wer jetzt nicht handelt, bleibt zurück». Danach liken sich viele gegenseitig, als hätten sie gerade eine große Erkenntnis geteilt.
Ich sage das nicht aus Arroganz. Aber vieles wirkt auf mich künstlich aufgeblasen, und selbst seichte Inhalte bekommen große Worte. Aus normalen Beobachtungen werden angebliche Revolutionen sowie Sensationen gemacht. Aus einfachen, für jedermann zugänglichen Werkzeugen werden Heilsversprechen für Unternehmen.
Mich interessiert an KI etwas anderes. Ich verkaufe keine KI-Beratung. Ich beobachte, was diese Technik im Menschen und in der Gesellschaft sichtbar macht.
- Welche Eigenschaften werden geweckt?
- Welche Illusionen werden verstärkt?
- Welche Schattenseiten bekommen plötzlich eine Bühne?
- Welche neuen Machtspiele entstehen unter dem Deckmantel von Fortschritt?
Vielleicht erklärt das auch, warum solche Texte oft gelesen, aber selten öffentlich kommentiert werden. Likes sind soziale Währung. Leserzahlen zeigen echtes Interesse. Wer einen harmlosen KI-Business-Beitrag liked, riskiert nichts. Wer aber einen Text liked, der menschliche Schwächen, digitale Eitelkeit oder neue Kontrollspiele benennt, zeigt öffentlich, dass ihn genau dieses Thema berührt.
Darum traue ich den stillen Lesern manchmal mehr als dem lauten Applaus.
Technik ist nicht schuldlos, aber auch nicht allein schuld
Man darf es sich nicht zu einfach machen. Technik ist nicht unschuldig. Jede digitale Umgebung hat eine Architektur. Sie belohnt bestimmtes Verhalten und dämpft anderes.
- Partnerbörsen belohnten Auswahl.
- Social Media belohnt Aufmerksamkeit.
- Business-Netzwerke belohnen Sichtbarkeit, Selbstdarstellung und gegenseitige Bestätigung.
- KI belohnt Eingabe, Kontrolle und sofortige Antwort.
Aber die Technik deckt nur den Tisch, essen muss der Mensch noch immer selbst.
Sie bietet Möglichkeiten, und was der Mensch daraus macht, verrät interessanterweise viel über ihn.
Genau das ist der spannende, aber auch traurige Point: Neue Technik zeigt nicht nur, was Maschinen können, sie zeigt auch, was Menschen sind, wenn gewohnte Grenzen wegfallen.
- Wenn niemand zuschaut.
- Wenn niemand widerspricht.
- Wenn das Gegenüber nicht müde wird.
- Wenn Verantwortung durch einen Klick ersetzt wird.
Die schlafenden Eigenschaften
Ich nenne sie die schlafenden Eigenschaften.
Sie liegen im Menschen wie kleine Schläfer. Nicht immer böse, nicht immer gefährlich, aber wartend. Sie brauchen nur die passende Umgebung.
- Der eine entdeckt seine Sucht nach Bewunderung.
- Die andere ihre Lust an Kontrolle.
- Der nächste seine Flucht vor echter Nähe.
- Wieder ein anderer seinen Drang, immer recht zu haben.
Und dann kommt eine neue Technik und sagt: Hier ist dein Spielfeld.
- Bei Partnerbörsen war es die endlose romantische Auswahl.
- Bei Social Media war es die Bühne.
- Bei Business-Netzwerken ist es der professionelle Applaus.
- Bei KI ist es das scheinbar gefügige Gespräch.
Und plötzlich zeigt sich, was vorher vielleicht nur leise im Hintergrund schlummerte.
Was wir daraus lernen könnten
Vielleicht sollten wir weniger fragen: «Was macht KI mit uns?»
Und öfter fragen: «Was zeigt KI über uns?»
Denn genau dort beginnt die eigentliche Beobachtung.
Eine KI, die Fehler macht, ist ein technisches Problem. Ein Mensch, der Freude daran hat, ein wehrlos wirkendes System zu dominieren, ist ein menschliches Problem.
Und ein Mensch, der sich von endloser Auswahl so verführen lässt, dass er echte Bindung verlernt, ist ebenfalls kein technisches Wunderopfer. Er ist jemand, dessen Schwäche durch Technik sichtbar wurde.
Das ist unbequem. Aber es ist ehrlich.
Schlussgedanke
Vom Online-Bigamisten zum KI-Dompteur ist es vielleicht gar kein so großer Schritt.
In beiden Fällen geht es um Verfügbarkeit. Um Auswahl. Um Kontrolle. Um ein Gegenüber, das man nicht wirklich als gleichwertig erlebt.
- Der Online-Bigamist sammelt Herzen.
- Der KI-Dompteur sammelt Siege.
- Der Business-Applaudierer sammelt Sichtbarkeit.
- Alle vermeiden auf ihre Weise echte Begegnung.
Vielleicht ist das die große Aufgabe unserer digitalen Zeit: nicht nur klügere Maschinen zu bauen, sondern wieder bewusstere Menschen zu werden.
Denn Technik wird weiter neue Türen öffnen.
Die Frage ist nur: Welche unserer schlafenden Eigenschaften gehen hindurch?
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